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Ich habe mich verloren... So begann der letzte Brief, den eine junge Frau schrieb, kurz bevor sie ihrem, nach eigener Auffassung trostlosem Leben, ein Ende bereitete. Es war ein sonniger Tag, nur ein paar verlorene Wolken waren am Himmel zu sehen. Der Wind wehte sanft über das Gras, sodass sich die einzelnen Halme wie leichte Meereswogen hin und her wiegten. Überall auf den Straßen sah man glückliche Menschen, die die Sonne in vollen Zügen genossen. Kinder liefen laut lachend umher, ohne richtiges Ziel. Fast war es, als wollten sie die Sonnenstrahlen einfangen und für Tage aufheben, wenn die Sonne sich wieder zurückziehen würde. Der Tod passte nicht zu diesem Tag. Das dachte auch die junge Frau als sie mit auf den Boden gerichteten Blick an den Kindern vorbeiging. Sie fiel niemanden auf. Alle waren mit sich selbst beschäftigt. Der Gedanke tröstete sie auf eine merkwürdige Art und Weise. Denn wenn sich niemand um sie kümmerte, dann würde auch niemand bemerken, wenn sie sich gleich dem Tod hingeben würde. Es war sinnlos zu leugnen, dass der Gedanke sie in Wirklichkeit mehr verletzte, doch es brachte nichts sich, Gedanken darüber zu machen. Das hatte sie schon zu oft getan, immer mit demselben Ergebnis. Sie hörte das Rascheln der Plastiktüte, die sie in der Hand hielt, und die ab und zu gegen ihr Bein schlug. Niemand konnte sich vorstellen, was darin verborgen war. Selbst ihr kam der Inhalt unwirklich vor. Alles an diesem Tag schien auf seine ganz eigene Art unwirklich. War sie gerade wirklich dabei diesen Schritt zu tun? Ging sie gerade wirklich ihrem Ende entgegen? Es war lachhaft. Ein Lächeln schlich sich in ihre Züge. Es war keinerlei Freude darin. Es war kalt und bitter. Der perfekte Spiegel ihrer Seele, den aber nur sie selbst deuten konnte. Allen anderen war es Ausdruck purer Freude. Oft schon hatte sie sich gewünscht, so zu sein, wie alle anderen sie haben wollten, wie alle anderen glaubten wie sie war. Sie hatte versucht so zu werden, aber sie war jedes mal vom Neuen gescheitert, als ihr klar wurde, dass es nichts als eine Lüge war. Sie log sehr oft, doch heute hatte sie beschlossen die Wahrheit zu sagen. Sie wusste nicht, wieso es genau dieser Tag sein musste. Sie hatte vergessen, warum ihre Wahl auf diesen Tag gefallen war. Fast war der Tag zu schön für die Wahrheit, aber sie fürchtete sich davor, vor ihrem Vorhaben abzuweichen. Wenn sie es jetzt nicht tat, vielleicht würde sie niemals mehr den Mut dazu finden. In der leeren Wohnung angekommen. zog sie erst einmal ihre Schuhe aus und stellte sie mit allergrößter Sorgfalt auf ihren Platz. Dann legte sie die Tüte ab, um ihre Jacke auszuziehen. Es war nicht nötig eine Jacke zu tragen, das wusste sie. Es war warm und ihr war heiß gewesen, doch sie musste die Narben verstecken. Sie tat oft Sachen, die ihr nicht gut taten, nur um etwas zu verstecken. Das sollte heute ein Ende haben. Sie hängte die Jacke auf den Bügel und schloss den Schrank. Zum letzten Mal, schoss ihr durch den Kopf. Es war nichts von Bedeutung, es war nichts Besonderes daran einen Schrank zu öffnen oder zu schließen, eine Jacke an oder auszuziehen, aber man musste leben, um es tun zu können. Und das würde für sie bald zu Ende gehen. Sie nahm die Plastiktüte wieder in die Hand und ging in ihr Zimmer, dort kontrollierte sie, dass alles an seinem Platz war. Sie wusste nicht, warum sie es machte. Es war einfach eine Laune, die sie heute Morgen gepackt hatte. Alles sollte perfekt sein an diesem Tag. Irgendwie war es doch schön, dass die Sonne so freudig schien. Sie schob ein paar Gegenstände auf dem Regal in eine bessere Position und lächelte dann traurig auf sie hinab. Plötzlich hatte sie das reißende Verlangen alles vom Regal zu schmeißen, nur um es dann wieder in Ordnung zu bringen. Ihr war klar, dass sie Zeit schinden wollte. Ihr Blick fiel auf ihren Tisch, dort lag ein Blatt, auf dem in großer , roter Schrift drei Wörter standen. „Jetzt oder Nie“. Sie hatte ihn vor Tagen geschrieben, weil sie wusste, dass sie zögern würde. Ihr war klar, dass sie nicht de Mutigste, nicht die Stärkste war. Im Gegenteil, sie wusste, dass sie Angst hatte. Panische Angst. Sie wusste nur nicht wovor. Vor dem „jetzt“ oder dem „nie“. Vielleicht würde sie es bald herausfinden. Mit einem letzten Blick in den vertrauten Raum, verließ sie ihn und ging ins Bad. Sie räumte alles, was nass werden konnte beiseite und drehte dann das Wasser auf. Die Plastiktüte legte sie auf den Rand der Wanne und wartete. Sie konnte jetzt nichts tun außer warten. Mehr als oft genug, vergewisserte sie sich, dass das Wasser die richtige Temperatur hatte. Mehr als oft genug, ging sie zur Badezimmertür, um zu überprüfen, dass sie auch wirklich abgeschlossen war. Dann holte sie zunächst den Brief, den sie am Abend vorher geschrieben und wer weiß wie oft durchgelesen hatte, ohne auch nur ein Wort zu verändern, aus der Plastiktüte und legte ihn auf das Regal über dem Waschbecken. Sie hatte ihn in Klarsichtfolie getan und mit Klebeband versiegelt, damit er auf keinen Fall nass wurde. Sie wusste nicht, warum sie das getan hatte. Es war das letzte, was sie in ihrem Leben geschrieben hatte, vielleicht war das der Grund. Vielleicht wollte sie aber auch sichergehen, dass die Wahrheit nicht verloren ging. Sie wollte zumindest die Wahrheit retten. Sich selbst hatte sie längst aufgegeben. Als die Wanne voll genug war, zog sie sich bis auf die Unterwäsche aus, legte diese in den Wäschekorb und stieg langsam ins Wasser. Es war warm, dennoch zitterte sie, als würde sie in Schnee steigen. „Gleich ist es vorbei“, dachte sie. „Gleich.“ Sie setzte sich erst einmal ins Wasser und tauchte dann den Kopf hinunter. Möglicherweise sah das, was sie tat, noch normal aus, bis auf die Tatsache, dass sie ihre Unterwäsche noch trug. Als das Zittern etwas nachgelassen hatte, griff sie nach der Plastiktüte und holte den Inhalt heraus. Diesen legte sie zunächst ebenfalls auf den Rand, faltete die Tüte und ließ sie neben der Wanne auf den Boden fallen. Erneut zitterten ihre Hände, sodass sie wieder warten musste, dass das Zittern schwächer wurde. Angst schlich sich hoch. Was wenn sie zu früh kamen? Was sollte sie tun? Dann wäre alles umsonst. Die ganze Angst umsonst durchgestanden. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Das Zittern hörte auf. Sie griff nach der Kanüle und steckte den Schlauch ans andere Ende. Noch einmal atmete sie tief durch. Jetzt gab es kein zurück. Jetzt war alles entschieden. Sie spannte die Hand an und stach die Kanüle in die Ader des Ellenbogen. Das Blut raste sofort hinaus. Sie sah es deutlich durch den Schlauch fließen, am Ende hinaustreten und im Wasser verschwinden. Bald würde es zu viel sein, als das es einfach verschwinden könnte. Vielleicht würde sie noch mitbekommen, wie das Wasser langsam einen rosa Ton annehmen würde. Vielleicht auch nicht. Jetzt schien alles gleich. Sie lehnte sich zurück und starrte an die Decke. Sie spürte nichts. Es tat nicht weh. Ihr Körper schien nicht zu merken, dass sie ihn tötete. Und auch ihre Seele war ungewöhnlich still. Tränen stiegen ihr in die Augen, liefen an ihren Wangen herunter und verschwanden wie ihr Blut unbemerkt im Wasser. Anders als das Blut, würde niemand ihre Tränen herausfiltern können. Niemand würde erfahren, dass sie diejenige war, die am meisten über ihren eigenen Tod trauerte. Ein Schluchzer kroch ihre Kehle hinauf, doch sie schaffte es ihn zu unterdrücken. Sie wollte nicht weinen. Sie wollte nichts dergleichen. Nur schlafen. Es wurde immer kälter. Sie wurde immer kälter. Selbst im immer noch warmen Wasser begann sie zu zittern. Leicht und schwach. Sie hob die andere Hand, es fiel ihr merklich schwerer als sonst, und schaute sie genau an. Sie war blass und unglaublich schwer. Sie tauchte sich wieder ins Wasser. Die Welt begann sich kurz zu drehen. Sie kniff die Augen zusammen und langsam kam sie wieder zum Stillstand. Ohne den Kopf zu bewegen, da sie einen erneuten Schwindelanfall befürchtete, schielte sie auf das Wasser. Tatsächlich. Es war leicht rot. Wie viel Blut sie wohl bereits verloren hatte? Es war viel, aber noch nicht genug. Ihr wurde kälter und kälter. Die Schwindelanfälle kamen immer häufiger. „Jetzt ist es gleich vorbei“, tröstete sie sich. Es schien immer schwerer zu werden wach zu bleiben. Immer schwächer fühlte sie sich. Fast war es als läge etwas auf ihrer Brust, das ihr das Atmen unmöglich machte. Ihre Glieder schienen nachzugeben. Hätte sie gestanden, wäre sie jetzt gewiss zusammengebrochen. Ihre Augenlider wurden immer schwerer. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie jetzt schlafen oder doch noch etwas wach bleiben wollte. Das Wasser wurde immer dunkler. Ihre Augen fielen zu und mit größter Mühe konnte sie sie nur einen Spalt breit öffnen. Noch einmal sah sie das weiße Licht, bevor alles dunkel wurde. Sie hatte das Gefühl Wasser auf ihrem Gesicht zu fühlen. Dann fühlte sie nichts mehr. Die Kälte verschwand

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